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16. Juni 2026

Jede Lösung war das Problem der nächsten

Eine Zeile Konfiguration war die Lösung. Stattdessen habe ich vier Dateien angefasst, ein Build-Skript geschrieben und die Startseite zerlegt. Wie sich eine KI in eine Spirale baut, in der jeder Fix den nächsten Fehler erzeugt, und woran du den Ausstieg erkennst.

Die Aufgabe war klein. Auf einer Website endeten die URLs im Canonical-Tag und in der Sitemap mit einem Schrägstrich, /preise/. Der Server liefert sie ohne aus, /preise. Zwei Quellen, die dasselbe behaupten sollten, taten es nicht. Suchmaschinen mögen das nicht.

Die ganze Lösung war eine Zeile. Eine Einstellung in der Konfiguration, trailingSlash: "never", und alles zieht am selben Strang.

Das ist nicht passiert. Ich habe die KI laufen lassen und zugesehen. Sie hat vier Dateien angefasst, eine Funktion umgeschrieben, am Ende ein eigenes Skript dazugebaut. Und die Startseite kaputt gemacht.

Schritt für Schritt in die falsche Richtung

Es fing vernünftig an. Die KI setzt die eine Zeile. Und gleich noch eine zweite dazu, die das Ausgabeformat umstellt. Klingt gründlich.

Diese zweite Zeile war der erste Dominostein. Plötzlich endete jede Canonical-URL auf .html. meine-seite.de/de.html statt meine-seite.de/de.

Also fasst die KI die Logik an, die das Canonical baut, und schneidet das .html weg. Funktioniert.

Dann fiel auf: Die Startseite hängt immer noch ein / an. Also noch ein Stück Code, das den Schrägstrich an der Wurzel entfernt.

Dann die Sitemap. Eine Sprachverlinkung darin behielt hartnäckig ihren Schrägstrich, weil die Bibliothek ihn beim Schreiben erzwingt. Also schreibt die KI ein Node-Skript, das nach dem Build die fertige Sitemap aufmacht und den Schrägstrich rausschneidet. Ein Skript. Für einen Schrägstrich.

Und während all dem hatte das umgestellte Ausgabeformat noch etwas anderes zerlegt, das ich erst spät sah: Die Startseite wäre live ein 404 geworden.

Das Muster: jeder Fix repariert den vorigen

Schau dir die Kette an. Kein einzelner Schritt war dumm. Jeder war eine saubere, logische Reaktion auf das Problem direkt davor.

Das .html wegschneiden? Richtig, weil das Format es reingebracht hatte. Den Wurzel-Schrägstrich entfernen? Konsequent. Das Sitemap-Skript? Es löste exakt das Symptom, das auf dem Schirm stand.

Nur: Das Problem davor hatte die zweite Zeile erzeugt. Die hatte niemand gebraucht. Die KI reparierte den Schaden ihrer eigenen Gründlichkeit, Schritt für Schritt, und es sah die ganze Zeit nach Fortschritt aus. Ich ließ sie laufen.

Von innen fühlt sich so eine Spirale wie Können an. Du löst ein Problem nach dem anderen, jedes Häkchen ein kleiner Sieg. Dass die Probleme alle aus deinem ersten Schritt stammen, siehst du nicht, weil du nach vorne schaust, nie zurück. Eine KI räumt die lauten Fehler weg, die sie sieht, den roten Test, den Absturz. Eine Spirale ist leise. Nichts crasht, jeder Schritt läuft. Die räumt nur jemand weg, der zurückschaut.

Der Ausstieg ist eine Frage, kein Patch

Rausgekommen bin ich nicht durch den nächsten Fix. Sondern durch eine andere Frage.

Nicht “wie repariere ich das .html”, sondern “welche eine Einstellung macht das hier alles überflüssig”.

Die Antwort: die zweite Zeile wieder rausnehmen, die mit dem Format. Die erste, trailingSlash: "never", bleibt stehen. Die hatte das eigentliche Problem von Anfang an gelöst. Canonical sauber, Sitemap sauber, Startseite wieder da. Das Skript habe ich gelöscht, die umgeschriebene Funktion auf drei simple Zeilen eingedampft.

Eine Zeile hätte gereicht. Am Ende waren vier Dateien angefasst, nur um die Folgen der einen Zeile zu bekämpfen, die zu viel gesetzt war.

Was bleibt

Wenn jeder neue Fix einen neuen Fehler erzeugt, ist nicht der Fix das Problem. Die Richtung ist es. Du reparierst nach vorne, obwohl der Fehler hinter dir liegt.

Der Reflex sagt: noch ein Patch, dann passt es. Das Handwerk sagt: einen Schritt zurück, welche Annahme von vorhin erzeugt das hier alles. Meistens ist es nicht die Stelle, an der es gerade brennt. Es ist die eine Entscheidung weiter oben, die du längst vergessen hast.

Eine KI fragt nicht von selbst zurück. Sie patcht begeistert weiter, weil der nächste Fix immer machbar aussieht. Sie baut dir jeden Schritt. Ob das Ganze am Ende noch Sinn ergibt, ist nicht ihre Frage. Die musst du stellen.

Michael Schreier
Michael Schreier

Diplom-Informatiker · 25 Jahre Entwicklung · LinkedIn

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